Dorferneuerung
Berggasthof Streichen – das Krönchen einer Dorferneuerung
(01.06.2026) Schleching, Lkr. Traunstein – Früher ein lebendiger Treffpunkt für Einheimische, Wanderer und Wallfahrer, galt mit der ungeklärten Nachfolge des Wirts die Zukunft des Berggasthofs auf dem Streichen im Chiemgau als ungewiss. Dank engagierter Bürgerinnen und Bürger, starker Stiftungen und öffentlicher Förderung, wie etwa der Ländlichen Entwicklung, konnte ein bedeutendes Zeugnis bayerischer Wirtshauskultur gerettet werden. Warum der Streichen mehr ist als ein Stück gelebter Heimat, erzählt seine bewegte Geschichte.
Die Sonne verschwindet langsam hinter den Bergen und taucht die Natur zwischen Geigelstein, Kampenwand und Hochgern in ein warmes Abendlicht. Die würzige Bergluft vermischt sich mit dem Duft von Braten und frischem Brot. Im Berggasthof hoch oben auf dem Streichen über dem Achental gehen die Lichter an. Aus dem Gasthaus dringt Gelächter, Gläser klirren, Stühle rücken und Kinderlachen. Ein Tag auf dem Streichen geht zu Ende. Doch nach Jahren lebendiger Wirtshauskultur kehrte plötzlich Stille ein. Eine Stille, wie man sie nur aus der oberhalb gelegenen Kirche St.Servatius kennt. Mit dem überraschenden Tod des Wirts Franz Strohmeyer junior ging auf dem Streichen eine Ära zu Ende.
Dass es dabei nicht nur um das Ende einer Wirtshauslegende geht wird deutlich, wenn man die wechselvolle Geschichte des Berggasthofs betrachtet: Der Streichen bei Schleching im südlichen Chiemgau ist schon seit Jahrhunderten ein Ort der Begegnung für Einheimische, Durchreisende, Wanderer und Pilger. Zunächst war es vor allem die kunsthistorisch bedeutende Wallfahrtskirche St.Servatius, die fromme Gläubige anzog. Ob hartgesottene Wallfahrer zuerst den Wirt und dann den Herrgott begrüßten, ist nicht überliefert. Fest steht, dass das Gebäude erstmals im Jahre 1435 Erwähnung findet. Im Laufe der Jahrhunderte erlebten Kirche und Haus eine wechselvolle Geschichte. Etwa während des Spanischen Erbfolgekrieges als der Streichenhof 1704 Brandschatzern zum Opfer fällt, oder das Anwesen im Österreichischen Erbfolgekrieg 1740 durch österreichische Söldner erneut in Brand gesteckt wird. Immer wieder aufgebaut, diente das Haus lange Zeit als Mesnerwohnung der „Streichenkirche“, bevor Maßkrüge gestemmt und Schmankerl serviert wurden. Nach mehrmaligem Besitzerwechsel vermacht der Tiroler Baron Dominikus von Winkelhofen junior den Hof 1940 der Familie Strohmayer. Damit beginnt die eigentliche Geschichte als Berggasthof.
Vom Mesnerhaus zum Berggasthof
Während Franz Strohmayer 1940 im Krieg ist, kurbelt seine Frau Anna Strohmayer das Wirtshausgeschäft mit Kaffee und Kuchen an. Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1948 wird der Streichenhof saniert und zum Berggasthof mit Gastraum, Gästezimmern umgebaut. Unter den Strohmayers wird die Gaststätte zu einer Art Institution. Nicht nur, weil sie ihr Geschäft als Wirtsleute verstehen, sie pflegen auch das so beliebte bayerische Brauchtum. Wer auf den Streichen kommt, genießt außer bayerischen Schmankerln die Darbietungen des Wirts, der ein begeisterter Schuhplattler ist und die Musik von Alphornbläsern.
Franz Strohmayer junior übernimmt 1984 den Betrieb von seinem Vater und führt ihn mit seiner Familie weiter. Als er mit 71 Jahren überraschend stirbt, gibt es keine direkten Nachkommen für das Wirtshaus. Seine Geschwister und Erben sehen sich nicht in der Lage weiterzumachen. Es besteht die Befürchtung, dass die Veräußerung des Betriebs an eine Privatperson das Ende des Gasthofs bedeuten könnte. Interessenten für das Wirtshaus gibt es einige, doch die Nutzung blieb damit ungewiss. Würde es weiter ein Wirtshaus für die Öffentlichkeit bleiben? Viele Bürgerinnen und Bürger in Schleching wollten den Streichen nicht einfach seinem Schicksal überlassen. Schließlich ging es um eines ihrer traditionellen Gasthäuser, wo Menschen zusammenkommen, wo gefeiert, gegessen, getrunken, Rast gemacht, Freud und Leid geteilt wurden, aber auch um den Erhalt bayerischer Wirtshauskultur. Einer Kultur, die ohnehin vom Untergang bedroht ist.
Streichenfreunde mit Engagement
Um den Streichen zu retten, haben sich engagierte Bürgerinnen und Bürger zu den „Streichenfreunden“ zusammengeschlossen. Überlegungen, dass die Gemeinde den Betrieb samt dazugehörigen Bergwald übernimmt, scheiterte an den Finanzen. Zudem sei es keine Pflichtaufgabe der Gemeinde, ein Wirtshaus zu betreiben, äußerte sich der damalige Bürgermeister von Schleching. Mit der Familienstiftung von Yvonne und Thomas Wilde sowie der Stiftung „Kulturerbe Bayern“ fand die Initiative schließlich private Investoren. Investoren, denen wie auch den Erben und der Bevölkerung daran gelegen war, den Gasthof Streichen für die Öffentlichkeit zu erhalten.
Mit der Übernahme des Berggasthofes durch die Stiftungen 2021 musste auch die Finanzierung des Umbaus stehen. Ein finanziell herausforderndes Unterfangen, zumal es sich bei dem stattlichen Wirtshaus um ein Jahrhunderte altes, denkmalgeschütztes Gebäude handelt. Auch wenn die beiden Stiftungen die Hauptlast tragen, war jede weitere Unterstützung hilfreich.
„Erfreulicherweise konnte der Streichen mit der Kirche St.Servatius und dem Berggasthof in das Verfahrensgebiet der Dorferneuerung Schleching III miteinbezogen werden“, erklärt Peter Oster, Sachgebietsleiter des Amtes für Ländliche Entwicklung (ALE) Oberbayern. Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass das Gebiet oberhalb Schlechings noch von dem Verfahren förderungsmäßig profitieren konnte. „Wenn man einmal die besondere Beziehung betrachtet, die die Schlechinger zum Streichen mit Kirche und Berggasthof besitzen, ist es nur konsequent, den Streichen als Teil dieser Dorferneuerung zu betrachten“, ist Peter Oster überzeugt. Der Baudirektor hatte seit 1999 die Dorferneuerung und Entwicklung von Schleching als Vorsitzender der Teilnehmergemeinschaft in insgesamt drei Verfahren erfolgreich begleitet. In dieser Zeit entstand in dem Gebiet mit dem Ökomodell Achental bzw. jetzt ILE-Region die erste Ökomodellregion. Außerdem wurde für den Ort ein Gemeindeentwicklungskonzept entwickelt, das u.a. die Grundlage für vier Verfahren der Ländlichen Entwicklung bildete.
Schleching mit beispielhafter Dorferneuerung
„Was diese Verfahren in Begleitung des ALE außerdem auszeichnet, ist das hohe bürgerschaftliche Engagement“, betont Peter Oster. Bürgermeister, Verwaltung und Gemeinderat stünden zu 100 Prozent hinter der Ländlichen Verwaltung. Gerade diese Zustimmung habe Schleching zu einem herausragenden Projekt gemacht. Und dieser Erfolg zeige sich auch bei diversen Wettbewerben, bei denen die Dorferneuerung Schleching ausgezeichnet wurde, wie z.B. die Staatspreise für Baukultur und Dorferneuerung sowie Erfolgreiche Innenentwicklung – Nachhaltiger Umgang mit Gebäuden und Flächen, der zweite Platz beim Europäischen Dorferneuerungspreis oder das Qualitätssiegel Bergsteigerdorf, um nur einige zu nennen, so Peter Oster. Er sieht aber gerade auch in dem Projekt Streichen ein besonderes Zeugnis bayerischer Wirtshauskultur, das es entsprechend zu würdigen gilt. Zudem ist der Umbau des Gasthauses ein außergewöhnliches Projekt für die Zusammenarbeit der Eigentümer und den Unterstützern durch die Bürgergesellschaft „Streichenfreunde“. Nicht nur für ihn ist die Wiederbelebung des Berggasthofs Streichen „das kulturelle und emotionale Krönchen auf einer herausragenden Dorferneuerung“. Das Amt für Ländliche Entwicklung Oberbayern hat deshalb die über sechs Millionen Euro umfassende Sanierung des Berggasthofs Streichen mit 300.000 Euro gefördert.
Musterbeispiel für klimagerechtes Bauen
Ursprünglich als kleiner Blockbau errichtet, folgte dem Gebäude nach der Brandschatzung im österreichischen Erbfolgekrieg ein langgestreckter Einfirsthof im Stil des Traunsteiner Gebirgshauses. Ein stattliches Gebäude, wie es sich weitgehend heute noch präsentiert und in der ursprünglichen Anlehnung 2023 der denkmalgerechte Umbau und die Generalsanierung erfolgte. Spannend sei dabei, wie man klimagerechtes Bauen im Denkmal umgesetzt hat, so Peter Oster. So habe man z.B. Solarpaneelen in das Dach integriert, ohne dass diese störend wirken. Wo früher Stall und Tenne waren, entstanden neue Räume für Gäste. Eine Transformation, die zeigt, wie ein historisches Gebäude heutigen Anforderungen angepasst wird, ohne seinen Charakter zu verlieren. Und genau darin liegt die eigentliche Kunst dieser Sanierung: Der Streichen wirkt am Ende nicht wie ein restauriertes Denkmal, sondern wie ein Ort, der einfach nie aufgehört hat zu leben – nur ein wenig müde geworden war. So fügt sich am Ende alles zusammen: engagierte Bürgerinnen und Bürger, starke Stiftungen, öffentliche Förderung und viel handwerkliches Können. Der Streichen ist damit nicht nur baulich gerettet, sondern auch in seiner Bedeutung.
Nach einer aufwändigen, sensiblen und denkmalgerechten Sanierung wird der Berggasthof voraussichtlich am 27. Juni 2026 feierlich wiedereröffnet.